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Ein ungewöhnlicher Spielort Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass ein Beerdigungsinstitut bei uns zuhause anruft. Und deshalb dachte ich zunächst, die Dame am anderen Ende hätte sich verwählt. Aber nein, sie fragte nach einem Leierkastenspiel und ob ich denn auch auf einemFriedhof spielen würde. Einen Moment lang war ich etwas verwundert, aber dann sagte ich: "Ich habe so etwas noch nicht gemacht, aber irgendwann ist ja alles einmal ein >Erstes Mal<," und ich erinnerte mich an Berichte über Beerdigungen von Leierkasten-Kollegen wo eine Drehorgel aufgespielt hatte.   Ich sagte also zu, und die Dame meinte, dass sie sich wieder melden würde. Dann hörte ich eine Weile nichts mehr davon. Vielleicht war es wieder einmal lediglich eine Preisanfrage gewesen. Aber mitnichten! Drei Wochen später rief sie erneut an und meinte, dass es nun konkret werden würde. Der Verstorbene sei ein begeisterter Drehorgelspieler gewesen (Aha!), und die Angehörigen wollten zur Urnenfeier auf dem Friedhof eine Drehorgel erklingen lassen. Ob ich denn auch "Good bye, Jonny" hätte, denn der Verstorbene war als "Drehorgel-Jonny" bekannt gewesen. Das musste ich leider verneinen, aber ich könnte ja eine Liste meiner Titel übersenden, dann könnten sich die Angehörigen davon etwas aussuchen. Am nächsten Tag hatten sie sich etwas ausgesucht : "Lilli Marlen" und "Some broken Hearts" sollte ich bei der Urnenfeier spielen. Um kurz vor 11 Uhr erschien ich im Kostüm auf dem Friedhof. Am Eingang hielt jemand mit seinem Fahrrad neben mir: "Sie sind unverkennbar der Leierkastenspieler, das sieht man - und ich bin der Pfarrer, das sieht man aber nicht! Ich stelle nur mein Fahrrad ab, und dann reden wir auf dem Weg zur Kapelle miteinander." Er wollte wissen, welche Lieder sich die Angehörigen ausgesucht hätten, und ob ich denn auch Kirchenlieder hätte. - "Ja!", denn ich hatte auch meine Rolle mit den Kirchenliedern mitgenommen. "Nun danket all und bringet Ehr und Geh aus mein Herz, und suche Freud'  sowie Wenn das Brot, das wir teilen habe ich mit," sagte ich. - "Nun ja, Geh aus mein Herz passt als Sommerlied jetzt in den Spätherbst nicht so ganz. Spiele doch Nun danket all nach meiner Ansprache... - ich nicke dir zu..." Inzwischen waren wir an der Friedhofskapelle angekommen. Die Trauergäste standen schon davor. Ich gesellte mich etwas abseits dazu, doch schon nach kurzer Zeit war ich im Mittelpunkt, denn sie umringten sie mich. Was ich denn für eine Orgel hätte... Fabrikat, Tonstufenanzahl, usw. ..... - Die Frau vom Beerdigungsinstitut stellte sich mir vor und nahm mich etwas abseits. "Also erst Some broken Hearts  während des Einzuges und am Ende die "Lilli" wies sie mich ein. Dann führte sie mich in die Kapelle, wo ich einige Takte anspielte. - Welche wunderbare Akustik in der leeren, neugotischen Kapelle mit dem hohen Gewölbe. Und die 15 bis 20 Trauergäste würden diese Akustik nicht sonderlich beeinflussen. Schon bald ging die Tür auf, die Trauergäste zogen ein und ich begann zu spielen. Der Hall in der Kapelle war wirklich phänomenal und ich bewunderte den Klang meiner Orgel, den ich so noch nicht erlebt hatte. Während der Zeremonie wechselte ich dezent meine Notenrolle, damit ich nach der Ansprache das "Danket all..." spielen konnte. Auch dieses klang wunderschön feierlich, und war ein Dank für das, was von "Drehorgel-Jonny" gelebte Leben in dem er mit seiner Drehorgel oftmals für andere, für soziale Zwecke gespielt hatte. Und als ich nach den Fürbitten zum Auszug die "Lilli Marlen" spielte, spiegelte das den Abschied, aber auch das Weiterleben der Angehörigen trotz deren Schmerzes wider. Ich ging als letzter mit dem Leichenzug aus der Kapelle. Hinter mir schloss  die Frau vom Beerdigungsinstitut die schwere Kirchentür. "Damit sind wir eine Erfahrung reicher - so etwas geht also auch," meinte sie. Mit einer Drehorgel hatte sie noch keine Beerdigung ausgestattet. Am Grab selbst spielte ich nach er Beisetzung, während die Trauergäste jeweils ihre Handvoll Erde in das Grab warfen, meine "Berliner Rolle" mit der Berliner Luft, Es war in Schöneberg und dem Sportpalast-Walzer - eine Rolle voller Lebensfreude, die Drehorgel-Jonny sicherlich gehabt und weitergegeben hatte, die aber auch die Trauergäste trotz des Verlustes des Vaters und Freundes augenscheinlich nicht verloren hatten. Ja, damit war ein Drehorgelauftrag, den ich zunächst mit etwas gemischten Gefühlen angetreten hatte, glatt "über die Bühne" gegangen. Ich verließ sogar beschwingt den Friedhof. Ob mir "Drehorgel-Jonny" freundlich aus der Ewigkeit freundlich zugeschaut hatte? War er mit meinem Spiel zufrieden? Als ich noch in Gedanken an das soeben erlebte das Friedhofstor passierte, sprach mich eine Frau an: "Hallo, haben Sie eben auf dem Friedhof gespielt?" - "Ja," antwortete ich. - "Das mache ich bei meiner Beerdigung auch; haben Sie eine Karte???" Die bekam sie natürlich. Aber mit der Bemerkung, dass wie ich ihr Alter einschätzte, ich ihr eher wünschen würde, zunächst noch anlässlich mehrerer Geburtstage von ihr aufspielen zu können. Und wenn es dann wirklich in ferner Zukunft soweit wäre, hoffe ich, dass ich immer noch so gut beisammen bin, dass ich mein Hobby immer noch mit Freuden ausführen kann.
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