Das erste Mal   (Oder:  Wie aller Anfang doch nicht so schwer ist) Und ich lächelte hinauf in die Gesichter an den Fenstern. Das nahm meine innere Verkrampfung ich blickte in nur freundliche Gesichter. Das beflügelte mich. Ja, es machte plötzlich Spaß, denn offensichtlich war ich es, der hier Freude bereitet hatte. Plötzlich war hier etwas los. Auf diesem grauen, zementierten Hof, neben den Mülltonnen hatte ich an diesem Sonnabendmorgen einen Hauch von „guter alter Zeit“ hereingebracht. Plötzlich begann es Papierpäckchen zu „regnen“. - Ach du liebe Güte, wie hebt man das denn auf, ohne die Kurbel loszulassen, ohne die Musik zu unterbrechen? Na ja, erst mal artig bedankt, den Hut in diese Richtung gezogen (es war sehr warm darunter), und mich ein wenig verbeugt. Das mit den Päckchen löste sich dann aber doch im Handumdrehen: einige Kinder brachten mir die Päckchen an den Leierkasten. Damit hatten sie doch einen Grund näher heranzutreten und die „Musikmaschine“ zu betrachten.- „Und jetzt mal den Sportpalastwalzer,“ rief der Opa aus dem 3. Stock. Glücklicherweise konnte ich diesen Wunsch erfüllen, denn den habe ich auf der Walze. Ein Vater kam mit seinem Sohn auf dem Arm und bestaunte die vielen Nägel, die zum richtigen Zeitpunkt die Töne zum Klingen bringen. Es war auf diesem Hof so eine richtig tolle Stimmung. Und als ich bei meinem Weggehen den Leierkasten durch die Toreinfahrt schob, sah ich, daß die Leute mit den Nachbarn sprachen. Man sagt zwar, daß die Menschen heute immer weniger miteinander reden, aber hier war es an diesem Tag anders, und ich freute mich, daß ich dazu den Anlaß gegeben hatte. Nun, lieber Leser, die anfängliche Angst ist im Laufe der Zeit gewichen. Aber jedes Mal, wenn ich an einem schönen Sonnabendmorgen irgendwo meine Orgel zum ersten Mal erklingen lasse, habe ich doch noch ein wenig Lampenfieber. Aber wenn ich gegen Mittag die Päckchen auswickele und den „Beifall des Drehorgelspielers“ zähle,  stelle ich fest, dass es meinem Publikum gefallen haben muß. Falls wir uns einmal in unserer großen Stadt begegnen sollten, wünsche ich Ihnen Zeit und Muße damit Sie den Frohsinn, den eine Drehorgel zu vermitteln vermag, in sich aufnehmen können. Bis dahin freundliche Drehorgelgrüße  Ihr Norbert Nakielski
„Da stehste ‘nu  hinten uff’n Hof mit det Prachtstück,“ dachte ich mir, als ich das erste Mal  mit meiner Drehorgel „auf Tour“ ging. Bald zwei Jahre hatte ich daran gearbeitet, viele Stunden im Keller zwischen Kreissäge und Bohrmaschine, Holzlatten und Leimtopf verbracht. In den letzten Monaten hatte ich im Wohnzimmer Draht zu etwa 4.000 Walzenstiften verarbeitet und mich dann daran erfreut, wie die in die Holzwalze eingesteckten Stifte langsam zu einer Melodienfolge wurden. Zig-mal hatte ich im Keller die teilweise noch halbfertigen Lieder zum Leidwesen der Nachbarn durchgekurbelt, hier und da an den Stiften gerichtet und die Pfeifen nachgestimmt und nachintoniert. Meine selbstgebaute Drehorgel sollte doch einen schönen Klang und haben und präzise spielen. Und nun war also Premiere. Mit Opas Melone, buntem Hemd und der Weste meines „Hochzeits- und Beerdigungsanzuges“ fein herausgeputzt, stand ich nun hinter dem Leierkasten, die Kurbel in der Hand. Oh je, wie erschrak ich mich als die ersten Töne über den Hof erklangen. Nun ja, ich hatte ja die für uns damals noch erforderliche Genehmigung des Umweltschutzes betreffs „Lärmbelästigung ohne Kunst“ in der Tasche. Ich machte also „ausnahmsweise genehmigten Lärm“. - „Nur Mut und weitergedreht,“ dachte ich mir und kurbelte möglichst gleichmäßig weiter. Da gingen auch schon einige Fenster auf. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn einen plötzlich so viele Leute ansehen. Ganz klein wollte ich werden, aber ich hatte mich nun mal mit meiner Drehorgel in den Mittelpunkt dieser Hausgemeinschaft gestellt. Jetzt gab es kein kneifen mehr. - „Lächeln musste,“ hatte mal ein Lehrer anläßlich einer Schulaufführung zu mir gesagt, „das überwindet das Lampenfieber!“ 
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